Fundgrube
Die Brücke
Hoch oben im 12ten oder gar 13ten Stockwerk thront der Kapitän in seiner hochmodernen Schiffsführungszentrale mit einer umfangreichen Navigationselektronik und der erforderlichen Kontrollelektronik für die Schiffsmaschinen. Inzwischen ist der Kapitän nicht mehr nur Nautiker, sonder in vielen Fällen auch gleichzeitig der Schiffsingenieur.
Was hat dieser Schiffsführungskontrollraum mit dem tradierten Begriff „Brücke“ gemein?
Nachfragen ergaben in der Regel nur ein Schulterzucken.
Archäologische Grabungen im Archiv brachten ans Tageslicht:
Brücke (w). Auf größeren Schiffen die »Kommandobrücke«, d. h. der Platz, von dem aus das Schiff geleitet wird. Um einen guten Überblick über das ganze Schiff haben zu können, brachte man den querüberlaufenden Gang an, der seitlich meist auf den Radkästen oder kleinen Deckshäusern endete, daher der Name [1].
Zur Sicherheit gräbt man noch ein bisschen tiefer in ethymologischen Wörterbüchern [2]:
Auf Segelschiffen gab es keine “Brücke“. Schon gar nicht zu Zeiten der Entdecker und der großen Ostindienfahrer. Dort stand die Obrigkeit auf dem mehrer Stockwerke hohen Imponier-Kastell hoch über dem gemeinen Schiffsvolk und hatte für die Übersicht den „Ausguck“ hoch oben im Mast. Mit den schnellen englischen „Blackwell-Fregatten“ verschwanden die hochaufragenden, für die Segeleigenschaften hinderlichen Achterkastelle.
Die legendären Laizschen P-Liner waren Drei-Insel-Schiffe mit Back- Mittel- und Achterdeck. Die Schiffsführung residierte mit Steuerstand und Kartenhaus im Freien auf dem Mitteldeck. Die drei „Inseln“ waren bei Schwerwetter mit „Laufbrücken“ verbunden. Und es war strengstens untersagt, bei Sturm die häufig überschwemmten Decks zu betreten.
Die „Brücke“ ist nach bisherigem Stöbern erstmalig mit dem Aufkommen der Dampfschiffahrt um die Mitte des 19ten Jahrhunderts, bei den Raddampfern als eine Stellage, als höhergestellte „Brücke“ von Radkasten zu Radkasten zu finden und später bei den Dampfsegelschiffen, die zuerst ebenfalls mit einem Schaufelradantrieb ausgestattet waren. Beim Übergang zum Schraubenantrieb wurde diese „Brücke“ zur besseren Übersicht für die Schiffsführung übernommen und war zunächst völlig offen und nur mit Steuerrad, Kompass und einem „Klingelzug“ und einem Sprachrohr für die Verbindung zur „Maschine“ ausgestattet. Aber wie auch bei den Dampflokomotiven setzte sich ein Wetterschutz in Form von Persenningsverkleidungen und später Dach und Verglasung durch. Erst 1933 gab es eine erste Verordnung, dass Rudergänger und Steuermann einem „Steuerhaus“ geschützt zu sein hätten. Bis in die 1950er Jahre war es üblich Die Steuerhäuser in Holzbauweise auszuführen um Schiffsmagnetische Einflüsse auf den Kompass möglichst klein zu halten. Heute kann die Schiffsführung das Schiff - selbst bei Extrem-Wetterlagen - gut klimatisiert in Hemdsärmeln sicher führen.
GB, Schiffshistorisches Archiv Flensburg
[1] Curt W. Eichler, Vom Bug zum Heck, Seemännisches Hand- und Wörterbuch, Berlin u. Bielefeld 1964
[2] Friedr. Kluge, Seemannsprache, Wortgeschichtliches Handbuch Deutscher Schifferausdrücke älterer und neuerer Zeit auf Veranlassung des Königlich Preußischen Ministeriums der geistlichen, Unterrichts u. Medicinal Angelegenheiten Kassel 1911 Nachdruck Kassel 1973




















