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Rede für das Holzschiff
Reminiscenz an den Stapellauf des nach einem Linienriß von 1860 in herkömmlicher Weise aus Eiche gebauten Stintewers "DIE FREUNDSCHAFT" auf der Werft Dawartz in Tönning 1985. Wie jede Kultur, ist das Handwerk durch Überlieferung entstanden. Es lebt nicht in Büchern, es lebt von der Tat. Wird ein Handwerk nicht mehr ausgeübt, sinkt mit den Meistern und Gesellen auch sein Wissen ins Grab. Die lebten nicht vom Bootsbau, sondern mit dem Bootsbau".
Fritz Brunner 1939-2009
Als am 20. Oktober des vergangenen Jahres (1984 d. Red.) die Hamburger internationale Bootsausstellung, diese Schau von Plastik, Nirosta und technischer Perfektion, ihre Tore öffnete, spielte sich in Tönning an der Eider auf der Werft von Erich Dawartz etwas ab, das man als das Bedeutungsvollere bezeichnen muß! Für unseren Gaffelfreund Dietmar Schmidt lief der nach einem Linienriß von 1860 in herkömmlicher Weise aus Eiche gebaute Stintewer "Die Freundschaft" vom Stapel. Wie jede Kultur, ist das Handwerk durch Überlieferung entstanden. Es lebt nicht in Büchern, es lebt von der Tat. Wird ein Handwerk nicht mehr ausgeübt, sinkt mit den Meistern und Gesellen auch sein Wissen ins Grab.* Vorauf geht, wie bei jedem Kulturtod, ein Kulturverfall. In dieser Phase scheinen wir uns jetzt zu befinden. Die Ursache für den Niedergang des Holzbootsbaues war das Aufkommen neuer Werkstoffe, insbesondere des glasfaserverstärkten Kunststoffes (GFK). Mit ihm ergab sich die Möglichkeit der industriellen Massenproduktion, und mancher Bootsbauer sah hierin die Chance des leichtverdienten grossen Geldes. So wurde kulturelles Erbe leichtfertig über Bord geworfen. Kultur heißt Ausprägung von Formen. Herr der Form ist der Mensch, darum kann er sie auch zerstören doch mit dem Verlust seiner Form verliert er sein Menschentum. Fast schlagartig verschwanden anfangs der 60er Jahre die Holzboote aus dem Sportsektor und wurden durch Kunststoffboote ersetzt. Den Käufern erzählte man, und das tut man noch heute, daß dieses Material keinerlei Pflege bedürfe, daß die Boote unbegrenzt haltbar seien. Die Importboote waren billig, nicht nur, was den Preis anbelangte, aber wer sah das schon ? Es ist heute kaum noch vorstellbar, daß damals eine berühmte deutsche Yachtwerft ihr gesamtes Lager an Krummholz zu Feuerholz zersägte, weil das immer noch billiger war, als dieses Holz als Betriebsvermögen jährlich zu versteuern!
Die öffentliche Verwaltung hat den Holzschiffbauern auch noch auf andere Art das Leben schwer gemacht ! Was soll man z.B. davon halten, wenn ein Bootsbauer über 50 Jahre immer die gleichen Plattbodenboote für die Fischerei an den Rändern des Jadebusens baut, und nun die SeeBG kommt und sagt, die Boote seien zu schmal ? Die Ausmerzung des Holzes auf dem gewerblichen Sektor ist die Folge nicht vorhandener Ausbildung der Bediensteten. Auf gut deutsch heißt das, die haben keine Ahnung ! Anders ist es auf dem Sport- und Freizeitgebiet. Hier sind wir noch (!) Herr unserer Entschlüsse. Das sollten wir nutzen.
Inzwischen sind die Yachten derart rationell durchkonstruiert, daß sie langweilig und steril wirken. Ein Vergleich drängt sich auf: Gropius zerschlug mit seinem Funktionalismus das Heim. In einem modernen Haus ist alles optimal eingeteilt : Küche nach Norden, Schlafzimmer nach Osten, Wohnzimmer im Winkel Süden/Westen. Die Küche ist perfekt eingerichtet. Es gibt im ganzen Hause keinen Quadratmeter, der nicht verplant wäre, den die Bewohner nach eigenen Vorstellungen gestalten könnten. Darum gewinnen alte Häuser zunehmend an Beliebtheit, und genau aus dem gleichen Grunde finden alte Gebrauchsschiffe und -boote in steigendem Maße ihre Liebhaber, die sie nach alten Vorlagen restaurieren. In diesen Rahmen gehören auch die hölzernen Schiffe, die gebaut werden, wie "Die Freundschaft“°Diese Bewegung ist in unseren nord- und west europäischen Nachbarländern ebenfalls zu beobachten, ja sogar in Vorpommern sind ein oder zwei Zeesboote von Liebhabern gebaut worden ! Aber nicht nur Gebrauchsfahrzeuge werden nachgebaut. So hat z.B. die Werft Hinrich Bültjer in Ditzum an der Ems zwei 18 m lange Schoneryachten aus Eichenholz in traditioneller Art gebaut.
Die Schönheit eines Schiffes liegt in der Harmonie seiner Linien und in der Ausgewogenheit seiner Takelung. Den Maßstab für das, was Schönheit ist, stellt die Natur. Das Holz als der von der Natur gelieferte Werkstoff wies den frühen Schiffbauern den Weg. Sie waren gezwungen, materialgerecht zu bauen. Der Kunststoff dagegen läßt sich in jede Form gießen. Losgelöst von allen natürlichen Grenzen wandelt sich die Schönheit zur Häßlichkeit. Man vergleiche einmal eine hölzerne Yacht aus den 30er Jahren mit den heutigentags gängigen schwimmenden Sommerhäusern !
Holz ist ein lebendiger Werkstoff. Seine Pflege erfordert darum Aufmerksamkeit, ist aber billiger. Billiger ist auch die Takelung und Einrichtung, weil auf Schiffen und Booten, die dem Lebensunterhalt dienten, für Spielereien und Angeberei niemals Bedarf bestand. Einen Freund, der einem Freude bringt und dem man sein Leben anvertraut, soll man pflegen und ihm Zeit opfern. Ein Reiter, der diesen Namen verdient, striegelt sein Pferd nicht nur und klopft ihm bei guter Laune 'mal die Flanken; ein wirklicher Reiter schläft bei seinem Pferd im Stall, wenn es krank ist, oder wenn die Stute werfen soll. Dieser Reiter steht mir näher als der "Skipper", der "keine Zeit" für das Boot hat ! - Wer sich ein Holzboot bauen läßt, die Grenze zwischen Boot und Schiff ist unscharf, bekommt wieder Wurzeln, er erlebt wirklich wieder etwas. Schon das an die Bordwand schlagende Wasser, das man wahrnimmt, wenn man in der Koje liegt, ist Musik. Holz klingt. Es gibt Resonanz. Kann man sich eine Geige aus GFK vorstellen ?
Die Werft in Tönning lieferte den Rohbau des 12 m langen Stintewers für DM 60.000,--plus Mehrwertsteuer, womit die Behauptung, ein Holzbau käme zu teuer, widerlegt wird. Selbstverständlich kann man auch mehr ausgeben, dann kriegt man feinere Arbeit geliefert. Auf jeden Fall sollte man sich vor Auftragserteilung mit dem gewünschten Typ befassen und auch reiflich überlegen, an welche Werft man den Auftrag vergibt, denn nicht jede Werft ist mehr in der Lage, zünftige Arbeit zu leisten, und jede Werft hat auch ihre Spezialitäten.
Für das Handwerk, das nie Wegwerfartikel produzierte wie die Industrie, muß gelten, was ein Kenner der Materie und der Örtlichkeit nach einem Besuch bei Hinnerk Bültjer in Ditzum sagte: "Die leben nicht vom Bootsbau, sondern mit dem Bootsbau".



















